[Interview] On Living Out Of A Suitcase – A Talk With Koffer.C

Dieses Interview wurde zuerst in Koffer.ch veröffentlicht. Sie können das Original hier sehen.

Letzten Sommer wagte Cédric Waldburger einen Schritt, der für die meisten wohl unvorstellbar wäre – er kündigte seine Wohnung in Zürich und beschloss von nun an nur noch mit so viel Dingen zu leben, wie er in seinem Handgepäck Trolley mit sich tragen kann und ist so heute auf der ganzen Welt zu Hause. Wieso er sich dazu entschloss diesen minimalistischen Lebensstil zu leben, haben wir im Gespräch mit ihm erfahren.

“Heimat ist für mich kein fixer geografischer Ort.”

Als ich mich mit Cédric zu unserem Skype Call treffe, sitzt er gerade in einem Co-Working Space in Miami. Als Einstieg bitte ich Cédric sich mit drei Worten zu beschreiben. Wo andere mit einer Antwort zögern, muss er nicht lange überlegen: “Neugierig, ehrgeizig und optimistisch.” Das war einfach. Weiter geht es mit der Frage danach, was er eigentlich unter dem Begriff “Heimat” verstehe. Er erzählt mir, dass er das sehr oft gefragt werde. “Ich glaube, ich habe ein anderes Verständnis von “Heimat” als die meisten Anderen. Für die ist Heimat der Ort, wo das Bett steht, in welches sie sich jeden Abend schlafen legen. Für mich ist das aber kein fixer geografischer Ort, sondern ein Ort, wo ich mich geborgen fühle. Dort, wo auch meine Freunde sind.”

In seinem Leben hat Cédric bereits 57 Länder und 180 Städte bereist. Dabei verbringt er im Schnitt 3,7 Tage an einem Ort, bevor es wieder weiter geht. Das weiss der 28-jährige Unternehmer so genau, weil er alles, was er tut genauestens mit Apps trackt und in Excel Sheets festhält. Dabei verfolgt er nicht nur seine Reisen, sondern auch Ernährung, Fitness oder Produktivität. Ich frage ihn, ob er sich denn selbst als einen Selbstoptimierer bezeichnen würde, was er ohne zu zögern mit einem enthusiastischen “Auf jeden Fall! Optimierung macht mir Spass”, bejaht.

Mit dem Spass an Optimierung kommt wohl auch seine Passion für Startups, welchen er sich beruflich komplett verschrieben hat. Aktuell ist er an 14 jungen Unternehmen (Anm.: Koffer.ch zählt dazu) in Zürich, Berlin, San Francisco und Miami als Gründer oder Investor beteiligt. “Mich faszinieren Startups und die Geschichten dahinter – angefangen von der ersten Idee, die nachts in einer Bar zustande kommt, bis hin zum Erreichen der ersten Million. Ob damit der Umsatz, die Nutzerzahlen oder etwas anderes gemeint ist, spielt keine Rolle.”

Als Unternehmer pendelt Cédric also immer zwischen den Orten, wo die Startups und Geschäftspartner, mit denen er arbeitet, situiert sind. Dabei jedes mal mit viel Gepäck zu reisen, wäre denkbar unpraktisch. Er rechnet mir vor, wie viel Zeit er alleine am Gepäckband im Jahr verbringen würde, müsste er jedes mal einen grossen Koffer aufgeben. Bei ca. 100 Flügen im Jahr und einer durchschnittlichen Wartezeit von 15 Minuten landet er bei 25 Stunden vertaner Zeit.

Das ist eine sehr pragmatische Überlegung, stelle ich fest, so wie die meisten Entscheidungen, die Cédric trifft. Das fällt auch auf, als ich ihn frage, wieso er nur noch schwarze Dinge besitzt. Ursprünglich vermute ich eine Art Spleen dahinter, aber tatsächlich erzählt er mir dann: “Erst einmal passt Schwarz zu allem. Ausserdem lassen sich schwarze Sachen gut zusammen waschen und da Hotelzimmer bzw. die Betten darin fast immer weiss bezogen sind, ist es fast unmöglich etwas zu verlieren.” Eigentlich einleuchtend, oder?

90 Tage + 64 Dinge = Essentialismus

Dass Cédric heute keine feste Wohnung mehr hat und nur noch so viele Dinge besitzt, wie in seinen kleinen Koffer passen, war keine Entscheidung von heute auf morgen, sondern ein Prozess. Er erzählt mir davon, dass eigentlich alles vor sieben Jahren begann, als er die Schweiz zum ersten Mal für längere Zeit verliess, um in New York zu leben und fortan ca. jedes halbe Jahr erneut umzog – es ging nach Hong Kong, nach London, dann wieder nach Zürich. Dabei merkte er, dass er viele Sachen, welche er zu Hause im Schrank hängen hatte, eigentlich nicht zum Leben braucht. So begann er, all seine Besitztümer in einer Liste aufzuschreiben und sortierte regelmässig gemäss seiner 90-Tage-Regel aus.

Dabei geht er alle drei Monate alle Stücke durch und stellt sich bei jedem einzelnen folgende Frage “Brauchte ich dieses Teil die letzten 90 Tage oder werde ich es in den nächsten 90 Tagen gebrauchen können?” Lautete die Antwort “nein”, wurden diese Dinge verkauft oder verschenkt. So kam es, dass seine Besitztümer über die letzten Jahre auf 64 Dinge schrumpften. Dabei gefällt Cédric die Zahl 64 besonders gut, weil “das ist 2 hoch 6 oder 8 mal 8. Das ist für mich als Nerd einfach eine schöne Zahl.” Auf die 64 hat er sich allerdings nicht festgelegt. Aktuell sind es sogar noch weniger Teile, wie man in seiner Liste nachsehen kann. Wichtig ist ihm hierbei, sich einfach auf das Wesentliche zu konzentrieren.

 

Die Lebensweise des Minimalismus bzw. Essentialismus ist für Cédric übrigens nicht das eigentliche Ziel. Vielmehr ist es für ihn ein Mittel, um befreiter leben und arbeiten zu können. Seit er sich für diesen Lebensstil entschieden hat, ist er viel freier in seinen Entscheidungen geworden. Früher hatte er das Gefühl, Zeit an einem bestimmten Ort zu verbringen, weil er dort eine Wohnung hatte oder Sachen besass. “Wenn man das hat, muss man es ja auch brauchen.” Seitdem er keine Wohnung mehr hat und alle seine Sachen immer dabei hat, hält ihn dieser Gedanke nicht mehr zurück. Heute verbringt er die Zeit sehr konsequent da, wo es für ihn am sinnvollsten ist.

“Was uns allen gut tun würde, ist sich zu fragen, was wichtig im eigenen Leben ist.”

Ich erzähle Cédric, dass ich letztens gelesen habe, dass Minimalismus der Schlüssel zum Maximalismus an Lebensfreude sei und frage ihn, ob er das auch so bestätigen würde. “Ja, da stimme ich zu. Das Geheimnis liegt darin, dass man allem, was man besitzt einen Sinn gibt. Man versteht einfach, warum man etwas hat und das macht wiederum glücklich. Ich würde aber nicht sagen, dass es so, wie ich es lebe für jeden erstrebenswert ist. Wenn zum Beispiel jemand Freude an seiner Plattensammlung hat, dann ist derjenige eben mit mehr als 64 Dingen glücklich.”

Luxus sieht Cédric, wie ich mir schon denken konnte, nicht in materialistischen Dingen, die seien ihm schon als Kind nicht sonderlich wichtig gewesen und erklärt, was er stattdessen darunter verstehe: “Luxus bedeutet für mich Zeit für die Dinge zu haben, die ich spannend finde.” In Cédric’s Fall sind das seine Startups und Projekte sowie Erlebnisse mit Freunden und Familie. Auch die Frage nach seinem wertvollsten Gegenstand ist schnell beantwortet: “Ich bin in der glücklichen Situation mir den guten Computer kaufen zu können, den ich möchte, aber das tue ich nicht aus materialistischen Gründen, sondern weil ich ihn zum Arbeiten brauche.”.

Ob Cédric findet, dass Leute der westlichen Welt heute im Überfluss leben, möchte ich wissen. Seine Antwort: “Minimalismus ist richtig für mich. Viele finden das beeindruckend, weil sie so viel haben. Was uns allen gut tun würde, ist sich zu fragen, was wichtig im Leben ist.”

“Ich glaube auch, dass es eine Phase in meinem Leben ist.”

Ich stelle Cédric noch ein paar Fragen zu seinem Reisealltag, wobei mich natürlich brennend interessiert, welchen Koffer er eigentlich nutzt: “Ich hab mich für den Spree von Hauptstadtkoffer entschieden – natürlich in schwarz – weil der für einen Handgepäckkoffer über ein grosses Volumen verfügt.” Ich frage ihn, ob er seinen Koffer überhaupt auspacke, wenn er an einem Ort ist. Er erzählt, dass sein Koffer eigentlich sein Schrank sei: “Der Inhalt meines Koffers ist so aufgebaut, dass nichts lose im Koffer rumliegt, da ich alles in Packing Kits ordne.”

Wo kommt Cédric auf seinen Reisen eigentlich unter und wie funktioniert das mit dem Wäschewaschen? “Auf meinen Reisen ist es immer meine höchste Priorität bei Freunden oder Familie unterzukommen, da wir so auch effektiv Zeit miteinander verbringen können. Ansonsten miete ich mich in Hotels ein, wenn ich weniger als zwei Nächte bleibe. Bei mehr als zwei Nächten greife ich gerne auf Airbnb Apartments zurück. Da kann ich dann auch meine Wäsche waschen.”

Zu guter Letzt will ich natürlich wissen, ob Cédric diesen Lebensstil noch die nächsten Jahre pflegen will oder, ob er sich auch vorstellen könnte, sich irgendwann wieder niederzulassen. Er erzählt, dass er momentan überhaupt nicht dieses Bedürfnis verspüre. Im Gegenteil – sobald er länger als 6 Tage an einem Ort ist, will er direkt weiterziehen. “Ich glaube auch, dass es eine Phase in meinem Leben ist. Irgendwann kommt auch eine andere Phase, in der ich eine Familie gründen will und mich vielleicht nur noch auf ein Business konzentrieren will.” Daran würde er dann auch fest machen, wo er sich niederlassen würde. Wir sind gespannt.

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Cédric Waldburger

Cédric Waldburger

Founder of Sendtask.io 🚀. I’m passionate about startups 👨‍🚀.
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